|
Ergebnisse und Erfahrungen:
"Zurück in die Zukunft" - Qualifizierung und Beschäftigung für Menschen
mit HIV und AIDS
Die AIDS-Hilfe Bielefeld e.V. griff Ende 1997 die aktuelle Diskussion
über neue Perspektiven auf und entwickelte das Projekt "Zurück in
die Zukunft - Qualifizierung und Beschäftigung für Menschen mit
HIV und AIDS". Die Förderung durch die Europäische Union und das
Land NRW ermöglichte die Umsetzung unserer Projektidee in Kooperation mit der VHS-Agentur für Bildung und Qualifizierung. Das Ziel der Maßnahme lautete, ein flexibles Modell beruflicher Qualifizierung und psychosozialer Beratung zu erproben, welches gesundheitlicher Einschränkungen, unterschiedliche Bildungsvoraussetzungen und gesellschaftliche Stigmatisierung angemessen berücksichtigt.
Das Modellprojekt konnte zum 31. 12. 2000 nach
3-jähriger Laufzeit erfolgreich abgeschlossen werden.
Die TeilnehmerInnen:
Insgesamt nahmen 16 Personen an der Massnahme teil. 10 TeilnehmerInnen
beendeten die Massnahme. Aufgrund der flexiblen Struktur der beruflichen
Qualifizierung war es möglich, frei werdende Plätze wieder mit neuen
TeilnehmerInnen zu besetzten.
Sechs TeilnehmerInnen führten die Massnahme nicht
zu Ende. Davon konnte ein Teilnehmer vorzeitig in den Arbeitsmarkt
vermittelt werden. Eine Teilnehmerin ist aus persönlichen und familiären
Gründen schon frühzeitig aus der Massnahme ausgeschieden. Vier der
sechs Teilnehmer mussten aus gesundheitlichen Gründen und/oder aufgrund
von Drogengebrauch und den daraus resultierenden Problemen die Maßnahme
vorzeitig abbrechen. Ein ehemaliger Teilnehmer ist verstorben.
In der Gruppe trafen sich unterschiedliche Menschen
mit verschiedensten Lebenskonzepten sowie Bildungs- und Erwerbsbiographien.
Ein Teilnehmer beschrieb die Gruppe einmal als "Haufen extremer
Individualisten". MigrantInnen, ehemalige DrogengebraucherInnen,
Substituierte, homo- und heterosexuelle Männer und Frauen sowie
alleinerziehende Mütter gehörten dazu.
Einige der TeilnehmerInnen waren im Verlauf ihrer
HIV-Infektion schon fortgeschritten, so dass sich Krankheitsbilder
der AIDS-Symptomatik entwickelt hatten. Einige fühlten sich gesundheitlich
stabil, andere hatten mit starken Nebenwirkungen der Medikamententherapie
zu kämpfen. Viele sehen sich durch unsichere Zukunftsperspektiven
belastet.
Zertifikate und Abschlüsse:
Erfolgreiche Prüfungen |
| Büroorganisation und Bürotechnik |
10 Teilnehmer/innen |
| EDV (Textverarbeitung I) |
9 Teilnehmer/innen |
| Tastaturschreiben (80 Anschläge)
|
10 Teilnehmer/innen |
| Recht und Finanzen |
8 Teilnehmer/innen |
| Buchführung |
7 Teilnehmer/innen |
| EDV (Excel) |
9 Teilnehmer/innen |
| Kommunikation im Betrieb |
2 Teilnehmer/innen |
| |
|
| Beruflicher Abschluss: Bürofachkraft |
7 Teilnehmer/innen |
| EDV (Textverarbeitung II) |
7 Teilnehmer/innen |
Briefgestaltung und
Tastaturschreiben (180 Anschläge) |
5 Teilnehmer/innen |
| |
|
| Beruflicher Abschluss: Fachkraft
für Textverarbeitung |
5 Teilnehmer/innen |
| Zusatzqualifikation: Internet-Pass |
5 Teilnehmer/innen |
| Zusatzqualifikation: Englisch |
5 Teilnehmer/innen |
Erfahrungen der TeilnehmerInnen:
"Es hat mir schon geholfen, dass ich eine Zeit lang kontinuierlich etwas gemacht habe und versucht habe, den Drogen keinen Platz mehr einzuräumen. Dann war es auch so, dass ich aus dem Metadon-Programm herausgegangen bin. ....Es ist auch so, dass ich immer Phasen habe, wo ich die Tendenz habe rückfällig zu werden. Und das es da auch sinnvoll ist, wenn ich irgendeine Beschäftigung habe, wo ich abgelenkt bin und wo es mir dann einfacher fällt, mit den anderen Leuten etwas zu machen."
"Wichtig im Projekt war für mich auch der Kontakt zu anderen Leuten, die auch betroffen sind, wieder herzustellen und um mich informieren zu können, wie die anderen mit der Krankheit umgehen. Wichtig war auch, einen festen Tagesablauf zu haben. Nicht nur alleine zu Hause zu sein".
"Es war für mich wichtig, irgendwo hingehen zu können, wo ich mich mit meiner Krankheit zu Hause fühlte, wo ich nicht alleine war. Das war für mich unheimlich wichtig".
"Ich habe die psychosoziale Begleitung auch in Anspruch genommen und fand das auch sehr angenehm zu wissen, wenn ich irgend etwas habe, gibt es jemanden , der mir zuhört und versucht eine Lösung zu finden. Man muß eine Grundlage schaffen, um überhaupt lernen zu können. Wenn man lauter persönliche Probleme hat, kann man sich nicht hinsetzen und Englisch lernen. Insofern ist das notwendig gewesen. Auch für mich. Ich fand das gut. Ich denke, dass manche nicht hätten an dem Projekt teilnehmen können, wenn das nicht gewesen wäre".
"Das ist für mich überhaupt die einzige Form der Erwachsenenweiterbildung. Ich kenne auch einige Frauen die eine Umschulung gemacht haben und die gesagt haben, bei uns ist das alles ganz anders. Ich fand das Klasse. Das war eben gut....Das eigene Mitspracherecht, das man flexibel darauf reagiert, auf die Stundenpläne, dass man versucht bei jedem anzusetzen und jeden mitzunehmen".
"Wenn jetzt im Bewerbungsgespräch jemand fragt, ob ich eine Behinderung habe, dann werde ich das wohl angeben, werde das aber nicht sagen, was ich genau habe. Ich denke, dass das nicht notwendig ist".
"Eine gewisse Form von Streß braucht man auch. Man kann sich ja nicht einfach hinlegen. Also, wenn ich natürlich so richtig krank werde, dann geht es einfach nicht mehr. Aber ich finde schon wichtig etwas zu tun zu haben und sich nicht nur um seine Krankheit zu kümmern. Mir tut das jedenfalls gut".
"Ich würde gerne in Teilzeit gehen, aber ich bin auf Vollzeitsuche. Das ist mir sonst zu wenig Geld. Sonst würde ich noch einen Nebenjob annehmen. Aber das möchte ich eigentlich auch nicht. Am besten wäre ein 30- Stundenstelle. Aber die sind ja rar gesät".
Fahktoren, die zum Gelingen des Projektes beigetragen haben:
Das Lernberatungskonzept der VHS-Agentur bot zum Beispiel die notwendige
Flexibilität, Krankheitsphasen auszugleichen. Darüber hinaus förderten
der modulare Aufbau sowie die Selbstlernphasen das eigenverantwortliche
Lernen.
Die psychosoziale Beratung durch die AIDS-Hilfe
stabilisierte und motivierte die TeilnehmerInnen in Konflikt- und
Krisensituationen. Ausserdem stärkten die regelmässigen Gruppenangebote
die sozialen und kommunikativen Kompetenzen.
Transnationale Kooperation:
In der Kooperation mit AIDES Auvergne und LILA
Milano bot sich die Möglichkeit, europäische Zusammenarbeit hautnah
zu erleben und aktiv zu gestalten. Sowohl die MitarbeiterInnen als
auch die TeilnehmerInnen haben dadurch eine Fülle anregender Ideen
und neuer Arbeitsformen kennengelernt. Die gewonnenen Erfahrungen
und Erkenntnisse sind sicherlich nicht nur für die Qualifizierung
von Menschen mit HIV und AIDS von Bedeutung, sondern auch für andere
Zielgruppen mit gesundheitlichen Einschränkungen und sozialer Stigmatisierung
von Interesse.
Die Ergebnisse des Projektes sind ausführlich
in einer Broschüre dokumentiert, welche bei der AIDS-Hilfe Bielefeld
e.V. erhältlich ist. Ansprechpartner für weitere Informationen:
Peter Struck
|